Unsichtbare Risiken – wenn Verpackungen zum Problem werden

In der Lebensmittelproduktion fließen viel Zeit und Geld in Rohstoffe, Rezepturen und Prozesse. Verpackungen und andere Lebensmittelkontaktmaterialien (Food Contact Materials, FCM) laufen dabei häufig einfach mit – obwohl sie rechtlich und technisch ein zentrales Risiko darstellen.

Ob Schläuche, Dichtungen, Förderbänder oder die Endverpackung: Alles, was mit dem Lebensmittel in Kontakt kommt, kann Stoffe an das Produkt abgeben. Wer hier nicht sauber geprüft und dokumentiert ist, riskiert im Ernstfall die Verkehrsfähigkeit seiner Produkte.

Migration – kein Sonderfall, sondern Physik

Migration ist der Übergang von Stoffen aus dem Material in das Lebensmittel. Dieser Vorgang ist unvermeidbar und folgt physikalischen Gesetzen. Kritisch wird Migration insbesondere dann, wenn:

  • hohe Temperaturen auftreten (z. B. Heißabfüllung),

  • lange Kontaktzeiten bestehen,

  • fetthaltige oder saure Lebensmittel verarbeitet werden,

  • Recyclingmaterialien eingesetzt werden.

Typische Praxisbeispiele:

  • Recyclingkarton: Ohne funktionelle Barriere können Mineralölbestandteile (MOSH/MOAH) in das Lebensmittel übergehen.

  • Unbeschichtetes Aluminium: Bei Kontakt mit sauren Produkten kann es zu chemischen Reaktionen kommen.

  • NIAS (Non-Intentionally Added Substances): Abbauprodukte oder Verunreinigungen, die nicht bewusst eingesetzt werden, aber dennoch bewertet werden müssen.

Diese Stoffe tauchen in keiner Rezeptur auf – sind aber rechtlich relevant und Bestandteil der Risikobewertung.

Rechtliche Anforderungen – mehr als eine Konformitätserklärung

Die rechtlichen Vorgaben für FCM sind eindeutig und mehrstufig aufgebaut:

  • Rahmenverordnung (EG) Nr. 1935/2004
    Materialien dürfen die menschliche Gesundheit nicht gefährden und keine unvertretbare Veränderung der Lebensmittel verursachen.

  • GMP-Verordnung (EG) Nr. 2023/2006
    Unternehmen sind verpflichtet, ein wirksames Qualitätssicherungssystem für FCM zu betreiben. Fehlende oder unvollständige Dokumentation stellt bereits einen Rechtsverstoß dar – unabhängig davon, ob Migration nachgewiesen wurde.

  • Kunststoff-Verordnung (EU) Nr. 10/2011
    Sie regelt unter anderem spezifische Migrationslimits (SML) und Gesamtmigrationslimits (OML). Diese Grenzwerte sind zwingend einzuhalten.

  • Nationale Empfehlungen (z. B. BfR)
    Für Materialien wie Papier, Karton, Silikon oder Elastomere existieren häufig keine spezifischen EU-Verordnungen. In diesen Fällen gelten nationale Empfehlungen als Stand von Wissenschaft und Technik.

Ein zentraler Praxisfehler: Stimmen die realen Einsatzbedingungen (z. B. 70 °C Abfülltemperatur) nicht mit den Angaben in der Konformitätserklärung des Lieferanten (z. B. geprüft bis 40 °C) überein, ist die Erklärung rechtlich nicht belastbar. Das Risiko trägt der Inverkehrbringer.

Nutzen Sie den folgenden Kurzcheck als erste Standortbestimmung. Wenn Sie eine Frage nicht eindeutig mit „Ja“ beantworten können, besteht Handlungsbedarf.

🕒 60-Sekunden-Compliance-Check


Einordnung:

🟢 Alle Fragen mit „Ja“: Gute Basis. Halten Sie Unterlagen aktuell und prüfen Sie Änderungen regelmäßig.

🟡 1–2× „Nein“: Erhöhtes Risiko. Die FCM-Compliance sollte gezielt überprüft werden.

🔴 Mehr als 2× „Nein“: Kritisch. Die rechtliche Absicherung Ihrer Produkte ist aktuell nicht ausreichend.

Unser Fazit

Lebensmittelkontaktmaterialien sind kein Randthema und keine reine Formsache. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Produktsicherheit und der rechtlichen Absicherung. Unvollständige oder unpassende Dokumentation kann zu Beanstandungen, Vertriebsstopps oder Rückrufen führen – oft unabhängig von der eigentlichen Produktqualität.

Wir unterstützen Sie bei:

  • der Bestandsaufnahme Ihrer eingesetzten FCM
  • der Prüfung von Konformitätserklärungen
  • der Bewertung von NIAS und Migration
  • der rechtssicheren Dokumentation für Kontrollen
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